Mit dem Global Hydrogen Compass legen der Hydrogen Council und McKinsey erneut eine umfassende Bestandsaufnahme der globalen Wasserstoffwirtschaft vor. In der Studie wird deutlich: Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ist weniger eine Frage fehlender Technologien als vielmehr ein systemisches Koordinationsproblem zwischen Erzeugung, Infrastruktur, Abnahme und Finanzierung.
Der Bericht liefert wichtige Hinweise darauf, wo technische Planung aktuell an realen Marktbedingungen vorbeiläuft, warum Investitionszahlen allein wenig aussagekräftig sind und welche Rolle Infrastruktur, Abnahmeverträge und Derivate künftig spielen.
[Bild: Hydrogen Council / McKinsey]
Der Global Hydrogen Compass als Orientierungsinstrument
Der Global Hydrogen Compass versteht sich als globaler Kompass für den Wasserstoffmarkt. Er aggregiert Projektankündigungen, Investitionsvolumina, regionale Verteilungen und technologische Schwerpunkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Wasserstoffproduktion über Transport und Speicherung bis hin zur Nutzung in Industrie, Mobilität und Energiesystemen.
Es wird deutlich, dass diese Art von Metastudie vor allem eines leisten soll: Orientierung in einem fragmentierten und hochdynamischen Markt. Für Ingenieure ist das besonders relevant, da technische Entscheidungen – etwa zur Auslegung von Elektrolyseuren, zur Dimensionierung von Speichern oder zur Wahl von Transportpfaden – zunehmend unter Marktunsicherheit getroffen werden müssen. Der Compass liefert dafür keine konkreten Auslegungsparameter, aber er schafft Kontext: Wo entstehen tatsächlich Projekte? In welchen Regionen wird Infrastruktur priorisiert? Und welche Anwendungen dominieren den Bedarf?
Investitionen: Beeindruckende Zahlen, begrenzte Aussagekraft
Ein zentrales Thema ist das stark wachsende Investitionsvolumen im Wasserstoffsektor. Der Global Hydrogen Compass weist weltweit hunderte Milliarden Euro an angekündigten Investitionen aus. Aus technischer Sicht ist jedoch Vorsicht geboten: Investitionszusagen sind keine Garantie für realisierte Anlagen.
Viele Projekte befinden sich noch in frühen Planungsphasen, sind abhängig von Förderzusagen, regulatorischen Rahmenbedingungen oder der Verfügbarkeit günstiger erneuerbarer Energie. Das bedeutet: Die reine Anzahl angekündigter Elektrolyseleistung sagt wenig darüber aus, welche Anlagen tatsächlich in Betrieb gehen werden. Planungssicherheit entsteht erst dort, wo Projekte finanziell geschlossen, genehmigt und infrastrukturell eingebettet sind.
Regionale Schwerpunkte und ihre technischen Implikationen
Der Global Hydrogen Compass zeigt deutliche regionale Unterschiede. Europa, Nordamerika und Teile Asiens dominieren die Projektlandschaft, während Regionen mit hohem erneuerbarem Potenzial – etwa Nordafrika, Australien oder der Nahe Osten – zunehmend als Exportstandorte für Wasserstoff und Wasserstoffderivate positioniert werden.
Diese geografische Verteilung ist relevant, denn sie beeinflusst
– die Wahl von Transporttechnologien (Pipeline, Schiff, Derivate),
– die Auslegung von Elektrolyseanlagen unter spezifischen Klimabedingungen,
– und die Frage, ob Wasserstoff lokal genutzt oder über lange Distanzen transportiert wird.
Technische Konzepte ohne Berücksichtigung dieser regionalen Systembedingungen stoßen schnell an Grenzen. Ein Elektrolyseur ist kein isoliertes Produkt, sondern Teil eines energie- und infrastrukturabhängigen Gesamtsystems.
Wasserstoffderivate als systemischer Enabler
Ein besonders wichtiger Punkt des Global Hydrogen Compass ist die Rolle von Wasserstoffderivaten wie Ammoniak, Methanol und synthetischen Kraftstoffen. Diese werden nicht als Konkurrenz, sondern als notwendige Ergänzung zum molekularen Wasserstoff verstanden.
Aus technischer Sicht bieten Derivate entscheidende Vorteile: Höhere Energiedichte, bestehende Transportinfrastruktur und einfachere Handhabung. Gleichzeitig erhöhen sie die Systemkomplexität, da zusätzliche Prozessschritte, Wirkungsgradverluste und Sicherheitsanforderungen berücksichtigt werden müssen.
Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag: Wasserstoffsysteme dürfen nicht eindimensional gedacht werden. Die Entscheidung für oder gegen ein Derivat ist keine reine Marktfrage, sondern eine systemtechnische Optimierungsaufgabe, bei der Energieeffizienz, Sicherheit, Skalierbarkeit und Logistik gegeneinander abgewogen werden müssen.
Das Henne-Ei-Problem der Infrastruktur
Ein seit vielen Jahren wiederkehrendes Motiv ist das Henne-Ei-Problem der Wasserstoffwirtschaft: Ohne Abnehmer keine Infrastruktur, ohne Infrastruktur keine Abnehmer. Der Global Hydrogen Compass zeigt, dass viele Projekte genau an dieser Schnittstelle stagnieren.
Aus ingenieurwissenschaftlicher Sicht besteht Infrastruktur dabei aus mehr als nur reinen Pipeline-Kilometern. Sie umfasst auch Verdichterstationen, Speicher, Übergabepunkte, Sicherheitskonzepte und Schnittstellen zu bestehenden Energiesystemen. Für technische Planer bedeutet das: Projekte müssen von Beginn an infrastrukturkompatibel gedacht werden. Insellösungen mögen kurzfristig funktionieren, sind aber langfristig kaum skalierbar.
Abnahmeverträge als technische Randbedingung
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Rolle von Abnahmeverträgen (Offtake Agreements). Diese sind nicht nur für Investoren relevant, sondern haben direkte technische Auswirkungen, denn langfristige Abnahmeprofile bestimmen Auslastung, Wartungsstrategien und Lebensdauerannahmen von Anlagen.
Technische Auslegung und Vertragsstruktur sind also eng miteinander verknüpft. Eine Anlage, die auf Volllastbetrieb ausgelegt ist, verhält sich fundamental anders als ein System mit stark schwankender Nachfrage. Der Global Hydrogen Compass macht sichtbar, dass genau hier viele Projekte derzeit noch unscharf bleiben.
Fazit: Orientierung statt Euphorie
Der Global Hydrogen Compass liefert keine einfachen Antworten, aber er bietet einen wertvollen Rahmen, um den globalen Wasserstoffmarkt realistisch einzuordnen. Die Studie macht deutlich, dass der Engpass der Wasserstoffwirtschaft nicht primär technologisch ist, sondern in der Koordination komplexer Systeme liegt.
Technische Exzellenz bleibt notwendig, ist alleine aber nicht ausreichend. Erfolgreiche Wasserstoffprojekte erfordern ein tiefes Verständnis von Marktmechanismen, Infrastrukturabhängigkeiten und systemischen Wechselwirkungen. Der Global Hydrogen Compass kann dabei als Navigationshilfe dienen – nicht als Fahrplan, aber als Landkarte.

