Mit der Umstellung eines rund 400 km langen Leitungsabschnitts von Erdgas- auf Wasserstoff-Transport wurde kürzlich in Deutschland ein sichtbarer Schritt in Richtung einer überregionalen Wasserstoffinfrastruktur vollzogen. Das Projekt von GASCADE gilt als eines der ersten großskaligen Beispiele für die tatsächliche technische Konversion bestehender Gasinfrastruktur für reinen Wasserstoffbetrieb.
Gleichzeitig zeigt sich, dass Infrastrukturaufbau und Marktentwicklung zeitlich nicht synchron verlaufen: Während Leitungen und Netzknoten vorbereitet werden, bleibt die konkrete Nachfrage vieler potenzieller Abnehmer noch verhalten. Was ist also die technische, systemische und marktliche Bedeutung eines solchen Pipeline-Umbaus? Und welche Rolle spielt das Kernnetz als strukturelles Rückgrat einer zukünftigen H₂-Wirtschaft?
[Bild: GASCADE]
Vom Erdgas zur Wasserstoffpipeline: technische Realität statt Konzept
Der nun von GASCADE umgerüsteten Leitungsabschnitte zwischen der Ostsee und Sachen-Anhalt wurden über Jahrzehnte für den Transport von Erdgas genutzt. Damit handelt es sich also nicht um ein Neubauprojekt, sondern um eine gezielte Umnutzung bestehender Hochdruck-Gasinfrastruktur. Solche Konversionsprojekte sind von besonderer Bedeutung, da sie den Aufbau eines Wasserstoffnetzes beschleunigen können, ohne vollständig neue Trassen erschließen zu müssen.
Der geografische Verlauf verbindet Küstenregionen mit industriellen Zentren in Ostdeutschland. Damit wird eine klassische Funktion von Gasnetzen auf die Wasserstoffwelt übertragen: der überregionale Transport von Molekülen zwischen Erzeugungs- und Verbrauchsschwerpunkten. Entscheidend ist, dass es sich nicht um ein Demonstrationssystem im Labormaßstab handelt, sondern um eine tatsächlich in Betrieb befindliche Transportleitung. Dieser Schritt markiert den Übergang von Planungs- und Strategiedokumenten zu realer Infrastruktur.
Das Wasserstoff-Kernnetz als strukturelles Rückgrat
Das Wasserstoff-Kernnetz wird häufig als „Hauptpipeline“ des künftigen H₂-Systems beschrieben. Es bildet die übergeordnete Ebene, an die regionale Netze, Industriecluster und Erzeugungsanlagen perspektivisch angebunden werden sollen. In diesem Kontext ist der umgestellte Leitungsabschnitt ein Baustein eines größeren Gesamtsystems, das nicht auf einzelne Punkt-zu-Punkt-Verbindungen beschränkt ist, sondern auf Netzlogik basiert: Einspeiser und Verbraucher sollen sich über ein verbundenes System treffen können.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Kernnetz und Verteilnetzen. Viele industrielle Standorte werden nicht direkt an eine Haupttrasse angebunden sein, sondern über nachgelagerte Leitungsstrukturen. Das Kernnetz übernimmt damit primär die Rolle eines überregionalen Backbone-Systems, das Transportkapazitäten bereitstellt und Marktgebiete verknüpft.
Pioniercharakter und industriepolitische Dimension
Die Umwidmung einer kompletten Erdgasleitung für den Wasserstoffbetrieb kann durchaus als Pionierarbeit eingeordnet werden. Entscheidend ist hier weniger der symbolische Wert als die Tatsache, dass ein Übertragungsnetzbetreiber eine bestehende Infrastruktur technisch und betrieblich wirklich auf den Transport von H₂ ausgelegt hat. Damit können nun praktische Erfahrungen gesammelt werden, die über theoretische Studien weit hinausgehen und für weitere Umstellungsprojekte relevant sind.
Solche Projekte haben neben der technischen auch eine industriepolitische Dimension. Sie signalisieren, dass Wasserstoff nicht ausschließlich als langfristige Vision betrachtet wird, sondern als konkretes Infrastrukturthema. Förderinstrumente und politische Unterstützung spielen dabei eine Rolle, insbesondere um Investitionsrisiken in einer frühen Marktphase abzufedern. Infrastruktur wird hier bewusst vorlaufend aufgebaut, um spätere Nachfrage zu ermöglichen und auch bedienen zu können.
Nachfrage: Infrastruktur ist da – der Markt folgt verzögert
Ein zentrales Spannungsfeld liegt in der aktuellen Nachfragesituation. Einerseits existieren etablierte Wasserstoffverbraucher, etwa in der chemischen Industrie oder in der Prozesstechnik. Andererseits ist die zusätzliche Nachfrage nach klimafreundlich erzeugtem Wasserstoff bislang vielerorts geringer als ursprünglich prognostiziert: Wer bisher noch keinen Wasserstoff genutzt hat, hat v.a. aus Kostengründen aktuell nur geringe Motivation, umzusteigen.
Diese Diskrepanz ist typisch für frühe Infrastrukturphasen: Leitungen werden mit Blick auf zukünftige Märkte dimensioniert, während konkrete Abnahmeverträge und Geschäftsmodelle erst schrittweise entstehen. Der Anschluss an eine Wasserstoffpipeline ist kein rein symbolischer Akt, denn er ist mit Kosten verbunden und setzt einen tragfähigen Business Case auf Seiten des Abnehmers voraus. Unternehmen werden Wasserstoff nicht allein aus Image- oder Marketinggründen nutzen, sondern wenn regulatorische Rahmenbedingungen, CO₂-Bepreisung und Energiepreise eine wirtschaftliche Nutzung ermöglichen.
Erzeuger–Verbraucher-Verbindung als Kernfunktion
Aus Systemsicht erfüllt das Kernnetz eine zentrale Funktion: Es schafft die physische Voraussetzung dafür, dass Erzeuger und Verbraucher nicht mehr lokal gekoppelt sein müssen. Elektrolyseure können an geeigneten Standorten errichtet werden, während industrielle Abnehmer über das Netz versorgt werden.
Die Möglichkeit zur Einspeisung von Wasserstoff aus dezentralen Anlagen in ein überregionales Netz erweitert das Systemkonzept erheblich. Gleichzeitig erhöht sich die Komplexität: Qualitätsspezifikationen, Druckniveaus, Einspeisebedingungen und Netzbetrieb müssen standardisiert und koordiniert werden. Infrastruktur allein erzeugt noch keinen Markt, sie ist jedoch eine notwendige Voraussetzung dafür, dass ein solcher Markt entstehen kann.
Ein wiederkehrendes Muster im Aufbau neuer Energiesysteme ist also genau diese Asynchronität zwischen Technik und Markt. Leitungen, Verdichterstationen und Netzknoten werden über viele Jahre geplant und gebaut. Investitionszyklen sind lang, Genehmigungsverfahren komplex. Demgegenüber reagieren industrielle Investitionsentscheidungen stark auf kurzfristige Preis- und Regulierungssignale.
Das Ergebnis ist eine Phase, in der Infrastruktur vorhanden ist, ohne dass sie sofort voll ausgelastet wird. Diese Situation ist nicht zwingend ein Zeichen von Fehlplanung, sondern Ausdruck des strukturellen Charakters von Netzinfrastruktur: Sie muss vorgehalten werden, bevor ein breiter Markt entstehen kann. Gleichzeitig erhöht dies den Druck, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine tatsächliche Nutzung begünstigen.
Einordnung in die deutsche Wasserstoffstrategie
Der Ausbau eines Wasserstoff-Backbones fügt sich in die nationale Strategie ein, Industrieprozesse zu dekarbonisieren und erneuerbare Energien sektorübergreifend nutzbar zu machen. Pipelineprojekte wie dieses sind dabei keine isolierten Einzelmaßnahmen, sondern Bausteine eines langfristigen Strukturwandels.
Die strategische Logik ist klar: Ohne Transport- und Speicherinfrastruktur bleibt Wasserstoff auf lokale Insellösungen beschränkt. Mit einem Netz können Skaleneffekte, Handel und überregionale Optimierung entstehen. Ob und wie schnell sich daraus ein liquider Markt entwickelt, hängt jedoch von vielen Faktoren ab – von Strompreisen über CO₂-Kosten bis hin zu internationalen Lieferketten.
Fazit
Der Umbau eines umfangreichen Pipelineabschnitts für den Wasserstofftransport stellt einen wichtigen infrastrukturellen Meilenstein dar. Er zeigt, dass die technische Transformation bestehender Gasinfrastruktur prinzipiell möglich ist und liefert praktische Erfahrungen für weitere Projekte.
Gleichzeitig verdeutlicht die aktuelle Nachfragesituation, dass Infrastruktur und Markt nicht automatisch synchron wachsen. Das Wasserstoff-Kernnetz schafft die physische Grundlage für eine zukünftige H₂-Wirtschaft, garantiert aber noch keine unmittelbare Auslastung. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, regulatorische, wirtschaftliche und industrielle Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass aus vorhandener Infrastruktur tatsächlich ein tragfähiger Markt entsteht.
Links zum Thema:
https://www.flow-hydrogen.com/
https://www.gascade.de/presse/presseinformationen/presseinformation/gascade-nimmt-400-kilometer-wasserstoff-kernnetz-in-betrieb


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