Der Wasserstoffmarkt befindet sich 2026 an einem kritischen Übergangspunkt: Nach Jahren ambitionierter Zielsetzungen und politisch getriebener Erwartungen zeigt sich zunehmend, dass viele Projekte an realwirtschaftlichen, technischen und finanziellen Randbedingungen scheitern. In einer Episode des Podcasts The Hydrogen Bar diskutieren Lukas Strohmeier und Thomas Geiger von Delphi Data Labs, warum insbesondere unzureichende Datenbasis, fehlerhafte Wirtschaftlichkeits-Annahmen und fehlende Markttransparenz zu systematischen Fehlentscheidungen führen können.
Für Ingenieure, Projektentwickler und technische Entscheider wird deutlich: Der Erfolg von Wasserstoffprojekten hängt nicht allein von Technologie, sondern von validen Daten, realistischen Annahmen und interdisziplinärer Bewertung ab. Der Beitrag fasst die Kernaussagen der Episode zusammen, ordnet sie technisch ein und zeigt, warum datengetriebene Marktanalyse zu einem zentralen Werkzeug der Wasserstoff-Industrialisierung wird.
Wasserstoff zwischen Technologie-Reife und Markt-Realität
Aus ingenieurwissenschaftlicher Sicht ist Wasserstoff längst kein exotisches Thema mehr. Elektrolyseure, Brennstoffzellen, Speicher- und Verteilkonzepte sind technologisch gut verstanden, zahlreiche Normen und Standards liegen vor, und Pilotanlagen wurden erfolgreich umgesetzt. Dennoch stockt der Übergang in den industriellen Maßstab.
Strohmeier und Geiger machen deutlich, dass diese Diskrepanz weniger technologisch als vielmehr systemisch begründet ist. Viele Projekte wurden auf Basis politischer Ausbauziele, Förderkulissen oder idealisierter Skalierungsannahmen geplant – häufig ohne belastbare Vergleichsdaten zu Kostenentwicklungen, Verfügbarkeiten oder tatsächlicher Nachfrage. Technisch saubere Konzepte können also dennoch wirtschaftlich scheitern, weil der Systemkontext falsch modelliert ist.
Wirtschaftlichkeits-Annahmen als Achillesferse vieler Wasserstoffprojekte
Ein wiederkehrendes Thema der Episode sind fehlerhafte Wirtschaftlichkeitsrechnungen. Aus technischer Perspektive zeigt sich hier ein klassisches Problem früher Märkte: Parameter wie CAPEX, OPEX, Stack-Lebensdauer, Wartungsintervalle oder Volllaststunden werden oft aus Einzelprojekten oder Herstellerangaben extrapoliert – nicht aus statistisch belastbaren Marktdaten.
Besonders kritisch wirkt sich dies bei der Systemauslegung aus:
– Elektrolyseure werden auf Auslastungen ausgelegt, die in realen Energiesystemen kaum erreichbar sind,
– Wasserstoffpreise werden unter Annahme dauerhaft günstiger Strompreise berechnet,
– Abnehmermärkte werden vorausgesetzt, ohne über langfristige Offtake-Verträge abgesichert zu sein.
Die steigenden Zinsen der letzten Jahre haben diese Schwächen offengelegt. Projekte, die unter Niedrigzinsbedingungen rechnerisch funktionierten, kippen nun wirtschaftlich – selbst wenn die Technik funktioniert und evtl. sogar eine Förderung gewährt wurde. Diese Entwicklung betrifft nicht nur Wasserstoff, sondern auch Power-to-X, synthetische Kraftstoffe und andere erneuerbare Energiesysteme.
Warum Ingenieure belastbare Marktdaten brauchen
Statt Einzelprojekte isoliert zu betrachten, müssen Entscheider sich also Fragen im Gesamtkontext stellen, wie:
– Wie entwickeln sich Investitionskosten real über mehrere Projektgenerationen?
– Welche Technologien erreichen tatsächlich industrielle Skalierung?
– Wo entstehen Engpässe in Lieferketten, Genehmigung oder Finanzierung?
Für die technische Planung bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Systemauslegung und Risikobewertung können und sollten stärker datenbasiert erfolgen, statt sich auf Best-Case-Annahmen zu stützen. Gerade bei Wasserstoffinfrastruktur, Elektrolyse-Großanlagen oder H₂-Derivaten wie Ammoniak oder Methanol ist diese Transparenz entscheidend.
Wasserstoff im Vergleich zu etablierten Energiemärkten
Ein interessanter Punkt der Diskussion ist der bewusste Vergleich mit etablierten Branchen wie Oil & Gas. Dort existieren seit Jahrzehnten belastbare Kennzahlen, Benchmarks und Erfahrungswerte. Für die Ingenieure dort sind Projekt- und Kostenrisiken besser quantifizierbar, auch wenn die Systeme komplex sind.
Der Wasserstoffmarkt hingegen befindet sich quasi noch in einer prä-industriellen Phase. Genau hier entsteht der Bedarf an datengetriebener Analyse: Wer frühzeitig realistische Marktparameter versteht, kann Technik robuster auslegen, Sicherheitsmargen sinnvoll dimensionieren und Fehlinvestitionen vermeiden.
Aus technischer Sicht ist das ein Reifeprozess: Märkte werden nicht dadurch erwachsen, dass Visionen größer werden, sondern dass Annahmen präziser werden.
Blick über Wasserstoff hinaus: Derivate und neue Märkte
Viele dieser Erkenntnisse lassen sich auch auf Wasserstoffderivate übertragen lassen – etwa auf Ammoniak, Methanol oder synthetische Kraftstoffe. Auch hier gilt: Die Chemie ist bekannt, die Prozesse sind beherrschbar, doch Markt- und Kostenstrukturen sind hochdynamisch.
Darüber hinaus plant Delphi Data Labs die Anwendung seiner Methodik auf weitere technologiegetriebene Märkte wie die Raumfahrt oder den Rüstungssektor. Datenbasierte Systemanalyse wird zunehmend zu einer Kernkompetenz für Fachkräfte in den verschiedensten Branchen – unabhängig vom konkreten Energieträger.
Fazit: Ingenieurarbeit braucht Daten, nicht nur Technologie
Ein Engpass beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft liegt 2026 weniger in der Technik, als in der Qualität der Entscheidungsgrundlagen. Für Ingenieure bedeutet das, über klassische Disziplin-Grenzen hinauszudenken und Markt-, Finanz- und Systemdaten aktiv in Planung und Bewertung einzubeziehen.
Wasserstoff wird sich nicht durchsetzen, weil er politisch gewollt ist, sondern weil Projekte technisch und wirtschaftlich belastbar sind. Datenbasierte Transparenz ist dafür kein „Nice to have“, sondern eine Voraussetzung für industrielle Skalierung und langfristige Sicherheit.

